Große Erwartungen von Charles Dickens

  • Gebundene Ausgabe: 832 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; Auflage: 4 (26. September 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446237607
  • ISBN-13: 978-3446237605

In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort

Am 7. Februar 2012 wäre Charles Dickens (*1812 – 1870) 200 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass sind etliche seiner Romane neu aufgelegt worden.
Der Hanser Verlag hat mit einer sehr schönen Neuübersetzung durch Melanie Walz das Buch „Große Erwartungen“ herausgebracht.
Das Buch ist eine wunderschöne Dünndruckausgabe, die zu der Reihe der „Hanser-Klassikern der Neuübersetzungen“ gehört. Auf gerade mal zwei Zentimeter Dicke kommen 832 Seiten, somit ist das Papier wirklich sehr filigran.

Das Buch besteht aus 3 Bänden und einem sehr ausführlichen Anhang, der sich über 137 Seiten erstreckt.

Erster Band:
Geheimnisvolle Erbschaft

Der Waisenjunge Pip wächst bei seiner älteren Schwester und dessen Mann Joe im Marschland der Themse auf. Bei Joe erlernt er auch das Handwerk des Schmiedens.
Eines Tages begegnet er auf dem Friedhof dem entflohenen Häftling Magwith. Zu Tode geängstigt besorgt er ihm aus der Speisekammer Essen und Trinken und stiehlt aus Joes Schmiede eine Feile.
In einem zweiten Handlungsstrang eröffnet sich Pip eine ihm völlig unbekannte Welt, als er eingeladen wird bei Miss Havissham zu spielen. Die exzentrische Alte Miss Havissham und deren Adoptivtochter Estella erwecken in Pip den Wunsch nach einem anderen Leben.
Als ihm plötzlich von einem unbekannten Wohltäter ein Vermögen gespendet wird, bekommt er die Möglichkeit sich in London zu einem Gentleman ausbilden zu lassen. Inzwischen kann er nur noch an Estella denken und verleugnet so sein wahres Leben, seine Freunde und die Verwandtschaft.
Für die herzlos erzogene Estella und deren Ziehmutter ist Pip aber nur ein Übungsobjekt.

Zweiter Band:
Große Erwartungen

Pip lebt inzwischen in London und führt dabei das Leben eines Snobs. Er ist vor allem damit beschäftigt Geld auszugeben. Auch wenn er seine Wurzeln verleugnet, vergisst er nie das alte Leben mit Joe. Nur aus Angst, Estella könnte es missfallen hält er an sein snobistisches Leben fest und verleugnet seine Familie.

Dritter Band:
Was es mit dem Leben auf sich hat

Pips Gönner gibt sich zu erkennen. Und somit gewinnt der Roman von Dickens noch einmal an Fahrt. Mehr zu schreiben würde Spoilern bedeuten, deshalb belasse ich es hierbei.

Am Ende des Romans liefert Dickens, überzeugt durch seinen Freund Edward Bulwer Lytton, ein alternatives Ende.

Kindheit und Erwachsen werden
In den 137-seitigen Anhang finden wir die Entstehungsgeschichte der „Große Erwartungen“ als Fortsetzungsroman geschildert. Die unterschiedlichen Fassungen des Romanschlusses werden diskutiert.
Die Verbindungen zwischen diesem Roman und Charles Dickens Leben werden veranschaulicht.
Charles Dickens hat seine Kindheitserlebnisse in diesem Roman verarbeitet und thematisiert das ärmliche Leben der Menschen in England in verdichteter Form. In der Zeit von 1837 bis 1901 gehörten zwei Drittel der Bevölkerung der sozialen Unterschicht an.

Mein Fazit:
Ich frage mich, wie man den Tonfall der viktorianischen Zeit (1837 – 1901) – also einer vergangenen Epoche – in die Neuzeit transferieren kann? Melanie Walz ist das wunderbar gelungen.
Ich kenne zwar das Original nicht, glaube aber zu verstehen, was uns Dickens als Sozialkritik vermitteln wollte, selbst heute noch im 21. Jahrhundert. Er schafft so ein lebendiges und bildhaftes Gesellschaftsgemälde. Dickens klagt in seinem Spätwerk das Gentleman-Ideal, der von Materialismus und Moralheuchelei geprägten viktorianischen Gesellschaft an.
Es geht um alle Gegensätzlichkeiten im Leben, um Kindheit und Erwachsen werden, Arm und Reich, Gut und Böse und das macht er mit einem leicht ironischen Unterton.

Charles Dickens erfasst perfekt die kindliche Psyche und gibt gleich auf den ersten Seiten eine Spitze an alle Erwachsenen weiter.

Zitat: „Seit jener Zeit, die lange vorbei ist, habe ich oft daran gedacht, wie wenige Erwachsene wissen, was Kinder für Seelenqualen erleiden, wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt.“

Mich hat die Stringenz der Handlung mehr als fasziniert. Bei einer solchen Seitenanzahl das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren ist mehr als bemerkenswert. Die Komplexität der Figuren-Charakterisierung wirkt zu keiner Zeit farblos oder stereotyp. Eine bunte Vielfalt der viktorianischen Zeit wird uns hier aufgezeigt.

Für mich ein absolutes Meisterwerk, wie ich es so noch nie gelesen habe!

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