Interview mit Georg Hasibeder – Haymon Verlag

Lieber Herr Hasibeder, vielen Dank für die Möglichkeit dieses Interviews.

Stellen Sie doch bitte kurz ihren Verlag vor!

Haymon ist ein traditionsreicher (1981 gegründeter) Literaturverlag mit Sitz in Innsbruck. Das Verlagsprogramm umfasst ein breites Spektrum der (v.a. österreichischen) Gegenwartsliteratur, von avantgardistischer Lyrik (z.B. Ferdinand Schmatz) bis hin zu zeitgenössischen Romanen und Erzählungen – etwa von Lydia Mischkulnig, Bettina Balàka oder Joseph Zoderer. Ein Fixpunkt in unserem Verlagsprogramm sind Kriminalromane – etwa die Polt-Krimis von Alfred Komarek oder die Schäfer-Krimis von Georg Haderer. Bei Haymon erscheint außerdem die in dieser Form einzige österreichische Taschenbuch-Reihe (HaymonTB) mit Literatur, Krimis und Sachbüchern. 

Was mich natürlich immer brennend interessiert ist, wie Sie auf potentielle Autoren zugehen, oder sollten die Autoren sich bei Ihnen melden?

Wir bekommen zwar pro Jahr sehr viele (ca. 1.200) Manuskripte unverlangt zugeschickt, dass eines dieser unverlangten Manuskripte aber den Weg ins Programm findet, ist aber selten. Viele neue Haymon-Autoren (und Autorinnen) sprechen wir selbst an, etwa weil wir über Veröffentlichungen in Zeitschriften, Preise oder Stipendien auf sie aufmerksam werden. Darüber hinaus bekommen wir häufig Empfehlungen von anderen Autoren oder von Literaturkritikern, die uns auf interessante Autoren hinweisen. 

Was sollte ein Autor mitbringen? Die Idee, erste Texte oder das fertige Manuskript?

Am besten schlüssiges, nachvollziehbares Konzept des Werks und eine Leseprobe, die Aufschlüsse zulässt, ob der Autor sein Handwerk auch wirklich beherrscht. Ob das Manuskript zu diesem Zeitpunkt schon komplett fertiggestellt oder erst im Entstehen ist, ist nicht so wichtig. 

Was macht für Sie ein gutes Manuskript aus?

Vor allem: dass es in der Lage ist, mich als Leser zu interessieren, zu fesseln, mich neugierig zu machen. Ein gutes Manuskript muss seinem Leser immer eine Antwort auf die Frage geben können: Warum soll ich weiterlesen? Darüber hinaus ist mir wichtig, dass ein Manuskript eine Portion Individualität mitbringt, einen eigenen Ton in der Sprache, eine eigenständige Geschichte. Manuskripte, aus denen zu deutlich das Vorbild herausblitzt, dem sie nachgebaut sind, langweilen rasch.

Wie interessant sind Blogger für Sie, schauen Sie sich in der Bloggerszene um?
Wird dort auch nach Nachwuchstalenten geschaut?

Literaturblogs und -foren halte ich für eine sehr wichtige Plattform für die Auseinandersetzung über Bücher, die eine perfekte Ergänzung zur klassischen Literaturkritik darstellt, nicht zuletzt, weil in Blogs unmittelbar, unverfälscht und ohne Nebeninteressen auf Literatur reagiert wird. Das bedeutet auch, dass die Beobachtung von Literaturblogs gute Aufschlüsse darauf geben kann, welche Themen, Genres oder Fragestellungen das Publikum interessieren. Daher beobachten wir die Bloggerszene aufmerksam, und natürlich kann man durch einen interessanten, gut geschriebenen Blog auch auf potentielle Nachwuchsautoren aufmerksam werden. 

Welche Buchthemen sind denn zur Zeit besonders gefragt und welche Themen sollte man am Besten in der Schublade lassen?

Neben Fantasyliteratur und historischen Romanen – zwei immer noch sehr gefragte Genres, in denen unser Verlag jedoch nicht aktiv ist – boomen Kriminalromane nach wie vor, wobei erfreulicherweise auch Krimis mit literarischem Anspruch ein immer größeres Publikum erreichen. Ebenso ist ein starkes Interesse an Texten spürbar, die historische Fakten und Fiktion verbinden und sozusagen „literarische Spurensuche“ betreiben. Auf der anderen Seite ist es derzeit leider schwierig, für Lyrik und avantgardistische Prosawerke ein größeres Publikum zu erreichen – was uns nicht daran hindert, beides in unserem Programm zu pflegen. 

Stand es für Sie von Anfang an fest, dass Sie in der Literaturbranche tätig werden wollten?
Wenn ja, wie viel ist Beruf und wie viel Berufung bei Ihrer Tätigkeit?

Dass ich mit Literatur arbeiten möchte, stand für mich schon früh fest, in welchem Bereich genau ich landen würde – ob in der Wissenschaft, in der Literaturkritik oder in einem Verlag – hat sich erst im Lauf meines Studiums im Rahmen von mehreren Praktika ergeben. Von Berufung würde ich nicht sprechen, aber ein über die beruflichen Pflichten weit hinausreichendes Interesse an Literatur und an Büchern ist sicherlich nicht nur sinnvoll, sondern sogar notwendig, um in einem Verlag arbeiten zu können. Dazu gehört auch, dass man den Literaturbetrieb aufmerksam beobachtet und neben der beruflichen Lektüre von Manuskripten auch viel an aktueller Literatur liest. 

Wie lange sind Sie schon im Haymon Verlag tätig und was hat sich in dieser Zeit alles verändert?

In der Verlagsbranche arbeite ich seit 2001, im Haymon Verlag seit 2006. In diese Zeit hat einerseits die Rolle von Internet und Web 2.0 für die Verlagsarbeit enorm an Gewicht genommen, was vor allem neue Wege der Vermittlung von Literatur ermöglicht, die gerade für kleinere und mittelgroße Verlage großes Potential in sich bergen. Andererseits fällt in diesen Zeitraum ein nach wie vor noch nicht abgeschlossener Strukturwandel im traditionellen Buchhandel, der die Vermittlung von anspruchsvoller Literatur abseits der Bestsellerregale zunehmend schwierig macht. 

Was beinhaltet Ihre Arbeit beim Haymon Verlag? Und gibt es ein Projekt, das Sie gerne verwirklichen würden?

Ich bin im Haymon Verlag in erster Linie für die Programmgestaltung zuständig, wähle also gemeinsam mit dem Verleger jene Texte aus, die wir ins Programm aufnehmen wollen, und betreue die einzelnen Manuskripte bis zur Veröffentlichung und darüber hinaus. Ein konkretes Projekt, das ich gerne verwirklichen würde, wüsste ich nicht zu nennen – aber ich würde gerne mehr interessante Debüts von österreichischen Nachwuchsautoren veröffentlichen. 

Was liest der private Georg Hasibeder? Haben Sie ein bestimmtes Genre und wer zählt zu Ihren bevorzugten Autoren?

Ich würde mich zwar nicht als Fan amerikanischer Literatur bezeichnen, aber viele der Bücher, die mich in den vergangenen Jahren begeistert haben, stammen von dort. Dazu zählen vor allem die Romane von Cormac McCarthy, die ich allesamt uneingeschränkt empfehlen kann, oder auch Richard Yates, der bei uns erfreulicherweise langsam wiederentdeckt wird, dazu zählen auch die Romane von William Faulkner, von Toni Morrison oder „Kaltblütig“ von Truman Capote. 

Was können die Leser des Haymon Verlages in Zukunft im Belletristik-Programm erwarten?
Erzählen Sie doch ein wenig und machen uns „lese-hungrig“!

Ich hoffe, wir können unserem Publikum auch in Zukunft ein vielfältiges Programm bieten, das literarisch interessierten und wachen Lesern viel Nahrung gibt. Im Frühjahrsprogramm 2011 gibt es zwei sehr interessante Neuzugänge in unserem Programm: Zum einen erscheint sehr zu unserer Freude der neue Roman des großen Südtiroler Romanciers Joseph Zoderer im Haymon Verlag, andererseits veröffentlichen wir mit „Beste Beziehungen“ auch den neuen Roman von Gustav Ernst, ein Werk, dessen erzählerische Radikalität, die dorthin geht, wo es weh tut, mich tief beeindruckt hat. Und natürlich gibt es bei Haymon auch wieder neue Krimis zu entdecken – im Frühjahrsprogramm einen Florenz-Krimi von Edith Kneifl, Polt-Kriminalerzählungen von Alfred Komarek und den sehr amüsanten Dorfkrimi „Letzter Kirtag“ von Herbert Dutzler.

Zum Schluss, gibt es eine Frage die Ihnen noch nie gestellt wurde – die Sie aber gerne beantworten würden?

Eigentlich nicht … 

Ich bedanke mich für das geduldige Antworten und hoffe, mit einem lieben Gruß an Frau Oberdanner, auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit.

Vielen Dank

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2 Kommentare zu “Interview mit Georg Hasibeder – Haymon Verlag

  1. Spannendes Interview. Ich werde mich dann mal ins haymonsche Frühjahrsprogramm reinlesen. Und ob Verlage lesen, was wir Blogger so verzapfen, interessiert mich ja immer brennend, wie du weisst. 🙂

  2. Ahhhh … ein Interview mit Georg Hasibeder, wie erfreulich! Das hat mich natürlich sofort brennend interessiert, insbesondere der Ausblick auf das Frühjahrsprogramm 2011. Haymon ist und bleibt mein Lieblingsverlag, denn wo sonst wird literarischer Anspruch, fernab vom stupiden Bestsellereinerlei, derart intensiv gepflegt.

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