Im Gespräch mit Wolfgang Hörner

Im Gespräch mit dem Verleger des Galiani Berlin Verlages

Lieber Herr Hörner, schön das Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben.
Sie sind Verleger des Galiani Berlin Verlages, erzählen Sie doch bitte etwas über den Verlag. 

Der Verlag wurde 2009 neu gegründet, ist also noch ganz neu. Ich selbst war vorher allerdings 18 Jahre beim Eichborn Verlag (zuerst in der Presseabteilung, dann als grüner und Leiter von Eichborn Berlin und zweitweise auch für die ANDERE BIBLIOTHEK zuständig), meine Kollegin Esther Kormann war 10 Jahre mit mir bei Eichborn Berlin, bevor wir zusammen Galiani gegründet haben. Galiani Berlin gehört zu Kiepenheuer und Witsch, operiert aber was Inhalt und Aufmachung der Bücher sowie die Öffentlichkeitsarbeit angeht, unabhängig. Programm, Inhalte, Stil kommen von uns, Kiepenheuer & Witsch macht Vertrieb, Lizenzen, Herstellung und Logistik. Viele der Autoren, mit denen wir früher gearbeitet haben, sind zu Galiani gekommen (neben anderen Sven Regener, Karen Duve, Frank Schulz, Linus Reichlin, Jan Costin Wagner, Georg Brunold), so dass gleich ein Autorenstamm da war. Aber es sind auch Autoren zu uns gestoßenPeter Wawerzinek, Alain Claude Sulzer, Helen FitzGerald), die erstmals Bücher mit uns machten.

 Welches Genre kann man im Sortiment des Galiani Berlin Verlages finden und wieviele Bücher werden im Jahr durch Galiani auf den Buchmarkt gebracht?

Wir machen 15-20 Bücher pro Jahr, das Programm hat einen Schwerpunkt in der deutschen Gegenwartsliteratur, es kommen aber auch mal ausländische Titel. Zudem gibt es Klassiker, erzählendes Sachbuch und alles das vor, was wir spannend finden zusammen. Viele der Titel entziehen sich klassischen Zuschreibungen, alle haben eine gewisse Art von Humor, die meisten pflegen ein gewisses selbstbewusstes Understatement.

Welche Aufgaben fallen in den Bereich eines Verlegers und wie kann man sich ihren Tagesablauf vorstellen, oder gibt es den gar nicht?

Oh, das ist eine schwierige Frage, jeder Tag sieht anders aus – das geht vom Rumreisen über Telefonierenüber Lektorieren, Programm zusammenstellen und mischen, Verträge aushandeln und ausstellen, über Werbung, Pressekampagnen ausdenken, Bücher konzipieren und kalkulieren undundund. Und irgendwann wollen auch die vielen Manuskripte noch lesen werden, die reinkommen. Ich sag mal so: langweilig wird es nie.

Vom Manuskript zum fertigen Buch – welche Stationen durchläuft ein Buch bis es gebunden im Buchladen zum Verkauf steht?

Das sind viele. Im Kurzform: Prüfphase, Lektoratsphase, Überarbeitungsphase, Satz, Korrekturphase (eins und zwei), Herstellungsphase – dann ist es da. Das dauert seine Zeit.

Wieviel Ihrer Arbeitszeit widmen Sie den Autoren, oder übernimmt das komplett der Lektor?

Wir sind ja so klein (drei Festangestellte, Volontär, Praktikant), da macht fast jeder alles, ich bin da nicht ausgenommen. Ich mache auch Lektorate, Vorschautexte, Pressearbeit – Lektorate und Ideen mit Autoren entwickeln sogar ausgesprochen gern, leider ist wegen der Vielzahl von Arbeiten immer entsetzlich wenig Zeit. Wir bei Galiani haben recht enge Beziehungen zu unseren Autoren, weil wir bei vielen von Anfang ihrer schreiberischen Karriere an dabei waren und ohnehin gern Bücher von Autoren machen, die wir auch als Menschen mögen und umgekehrt. Es geht ja nicht nur um Verkaufserfolg – Bücher sind auch immer eine Art Lebensform.

Wie groß ist die Chance von außen, ohne jegliche Beziehung und ohne Literaturagenten, einen Verlag mit seinem Manuskript zu überzeugen? Was würden Sie zum Beispiel mir raten, einem Neuling auf diesem Markt?

Es gibt da verschiedenen Wege – Jenny Erpenbecks kam z.B. über ein unverlangt eingesandtes Manuskript an ihren ersten Verlag , aber besser ist es sicher, sich bei diversen Stipendien und Wettbewerben zu beteiligen. Kriegt man Stipendien oder gewinnt man Wettbewerbe, ist eine Aufmerksamkeit da und man hat Kontakte. Und man sollte einfach sehr genau schauen, welcher Verlag genau die Bücher macht, die Sie schreiben. Wenn man die besten Manuskripte zum falschen Verlag gibt, kann der damit nichts anfangen. Je passgerechter Sie anbieten, desto besser.

Welches Projekt würden Sie sofort unterstützen?

Jedes, das mich rückhaltlos begeistert.

Was passiert mit den eingesandten Manuskripten, wird jedes gelesen und wenn ja von wem?

Fast jedes, aber nicht jedes von vorn bis hinten, das wäre nicht zu schaffen. Und Gedichte und Theaterstücke machen wir ohnehin nicht, die werden nicht gelesen. Bei den anderen guckt rein, wer gerade Zeit hat. Leider kann es ziemlich dauern, bis das geschieht.
Das ist der Preis, dass wir uns um die, für die wir uns entschieden haben, sehr intensiv kümmern.
Und wir können auch nicht zu jeden ausführlich Stellung nehmen, dafür sind es viel zu viele. Wenn man bedenkt, dass wir vielleicht zwei Plätze pro Jahr für Neuzugänge haben, kann man sich schon vorstellen, wie grausam radikal wir auswählen müssen.

Für wie wichtig halten Sie Blogger für den Verlag und werden Literaturblogs bei der Marketingstrategie mit beachtet?

Ja, das werden sie, es kommt natürlich sehr auf das einzelne Buch an, ob man es eher über die klassischen Feuilletons, über Magazine oder über moderne Medien streuen will, selbst Videos etc. einstellt und verstärkt Blogger anspricht. Meist ist es eine Mischform. Aber Blogger werden immer wichtiger, sie sind die echten Enthusiasten.

Wie stehen Sie persönlich technischen Innovationen, wie zum Beispiel E-Books, im Bereich Buch gegenüber?

Die meisten unserer Bücher gibt es als E-Books, nicht aber, wenn der Autor es nicht will. Ich glaube, es ist ein zusätzlicher Weg, Buchinhalte zu verbreiten und wenn wir es nicht selbst machen würden, nähme es jemand den Verlagen und Autoren illegal aus der Hand (wie es z.B. in Spanien geschieht). Ein echtes Buch kann das E-Book aber nicht ersetzen, dazu fehlt zu vieles. Man könnte ja auch Kaffee in Aroma Pillenform schlucken, aber dann fehlen die Wärme, der Duft, das Gefühl, eine Tasse in der Hand zu haben, die Freude, in kleinen Schlucken zu trinken usw.. So ähnlich sehe ich das Verhältnis E-Book – Buch.

Zum Ende noch eine persönliche Frage. Haben Sie eigentlich noch Zeit zum lesen? Und wenn ja, was lesen Sie? Gibt es vielleicht ein Lieblingsbuch?

Ich lese sehr sehr viel, aber das meiste zielgerichtet auf den Verlag hin. Nur für mich habe ich neulich habe die bei Dumont erschienen Briefe von Albert Vigoleis Thelens gelesen, dessen Roman „Die Insel des Zweiten Gesichts“ ein altes Lieblingsbuch von mir ist (Lieblingsbücher sind es allerdings viele: z. B. Montaignes „Essais“, Laurence Sternes „Tristram Shandy“ und und und). Gestern im Antiquariat Heinrich Anselm von Zigler und Kliphausens Asiatische Banise gekauft, einen höfischen Roman aus dem Barock, Kerrs Gesammelte Werke und isländische Sagas, ich mag so etwas schrägere Sachen entdecke gerne mir wenig bekannte literarische Welten.

Abschließend wollen wir natürlich noch wissen, was Ihr diesjähriges Highlight bei Galiani ist und auf welche Neuerscheinungen wir uns besonders freuen dürfen?

Puh, es sind alles Highlights, das ist ja gerade das Schöne: Dass wir tatsächlich Bücher machen können, die wir selbst gern lesen wollen. Dass Peter Wawerzineks Rabenliebe dieses Jahr so losging, war natürlich grandios. Nächstes Frühjahr gibt es einen neuen Regener, einen Reichlin, eine FitzGerald, ein tolles Debüt (Peggy Mädler), ‚einen großartigen verschrobenen Schweden (Fredrik Sjöberg) – es sind für uns alles Highlights und auch wenn man schon viele Jahre dabei ist, ist jedes einzelne Buch wieder etwas ganz Besonderes.s. 

Ich danke Ihnen für dieses wundervolle Interview und wünsche dem Galiani Berlin Verlag weiterhin noch viel Erfolg.

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