Im Interview mit Gernot Gricksch

(L&M = Literatur und mehr) 

L&M: Lieber Herr Gricksch, ich freue mich sehr über die Möglichkeit dieses persönlichen Interviews. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. 

Gernot Gricksch: Aber gerne! 

L&M: Es wird einem ja ganz schwindelig – Kolumnist, Kinokritiker, Autor von Romanen, Kinder- und Sachbüchern, was davon ist ihr Steckenpferd? Und welches beansprucht die meiste Zeit? 

Gernot Gricksch: Ich habe ganz lange, seit ich 18 bin, als Journalist gearbeitet, hauptsächlich als Filmkritiker. Mache das auch immernoch, aber nur zum Spaß. Ich bin ausgebildeter Journalist und die Romane kamen 1990 dazu und das Spektrum wurde erweitert. So wurde der Journalismus immer weniger. Dann kamen Kinderbücher dazu und eine Zeit lang auch verstärkt Drehbücher und der Journalismus ist dann schrittweise verschwunden. 

L&M: Bleibt da noch Zeit für die Familie? 

Gernot Gricksch: Oh ja. Ich glaube meine Kinder würden es gerne sehen, wenn ich sie ein bisschen mehr in Ruhe lasse. Ich bin ein extremer Familienmensch. Dafür mache ich ganz viele andere Dinge nicht. Ich fahre nicht Auto, ich geh nicht Fußball spielen mit meinen Kumpels und ich gehe abends auch nicht in die Kneipe. Und da bleibt viel Zeit für die Kinder und den Rest zu erledigen.

Das merkt man den Büchern glaube ich auch an, dass ich ein Familienmensch bin. 

L&M: Wie war das, als sie 2005 mit dem Literaturpreis DeLia für den besten Liebesroman ausgezeichnet wurden? Wie stehen Sie zu solchen Preisen? 

Gernot Gricksch: Ich fand das toll. Ich habe das überhaupt nicht kommen sehen. Habe mich aber auch nie als Liebesroman Autor definiert. Natürlich, es geht bei mir schon um die Liebe, aber ich habe das nie so klassisch gesehen. Obwohl das ausgezeichnete Buch „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe…“ ja per so so hieß, habe ich immer gedacht, dass es etwas anderes ist. Das kam völlig unerwartet und war eine große Ehre. 

L&M: Die Geschichte der Königskinder ist nicht neu, aber wie kamen Sie auf diese Umsetzung Simone und Mark, die Protagonisten ihres Romans „Königskinder“, immer wieder aneinander vorbeilaufen zu lassen? 

Gernot Gricksch: Das ist eine lange Geschichte. Ich hab immer überlegt einen Kurzfilm zu machen, der wie ein Actionfilm beginnt. Es beginnt mit einer Verfolgungsjagd im Einkaufszentrum und alles geht kaputt. Mitten in der Verfolgungsjagd sollte die Kamera auf einen Typen gehen, der von diesem Actionhelden angefahren wird und dann dessen Geschichte weitererzählen. Ich finde das wahnsinnig interessant. Daraus kann man natürlich keinen Roman machen und es hat auch keiner das Geld für den Kurzfilm gegeben. Und dann kam ich auf diese Idee mit Michael Rust auf dem roten Platz. Das hat mich eigentlich überhaupt nicht interessiert, dass dieser Depp da gelandet ist. das finde ich völlig unerheblich. Aber was das für Folge hatte, ich möchte gar nicht wissen, was für Soldaten da unglaublichen Ärger bekommen haben. Das ist das, was mich interessiert. Und da habe ich mir vorgestellt, dass zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, durch dieses Flugzeug getrennt werden. Daraus ist das dann alles so entstanden. 

L&M: Eines der Hauptthemen Ihrer Bücher ist die Liebe. Welche Faszination hat das für Sie und glauben Sie auch an die große Liebe? 

Gernot Gricksch: Das ist so eine Frage, da denke ich wahrscheinlich noch bis zum Ende meiner Tage drüber nach. Ich glaube an die große Liebe, aber ich weiß nicht, ob es die eine große Liebe gibt. Mir gefällt der Gedanke sehr, ich bin ein großer Romantiker. Ich glaube aber nicht, dass es nur einen Menschen gibt, der für einen bestimmt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man diesen einen Menschen trifft, ist einfach zu gering. Ich glaube, es gibt eine bestimmte Menge an Menschen und man sollte sich nicht zu früh zur Ruhe setzen mit jemandem, der nicht seinen Idealen entspricht. Das hat auch viel mit Freundschaft zu tun. Der Zustand der romantischen Liebe sollte in irgendwas übergehen, das Respekt und Freundschaft enthält – das beinhaltet auch eine gewisse Arbeit. 

L&M: Viele verwechseln ja verliebt sein auch mit Liebe. 

Gernot Gricksch: Auf jeden Fall. z.B. bei „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe…“, das Buch handelt ja auch davon, wie sich Liebende finden und was passiert nachdem sie dann zusammen gekommen sind. Eine große Liebesgeschichte, man freut sich, dass sie sich gefunden haben, aber dann gibt es eine Menge Probleme, der Spaß hört auf und so es geht weiter, bis man irgendwann in die Kiste springt. 

L&M: In „Freilaufende Männer“ schreiben Sie über drei Freunde in der Midlifecrisis. Ich frage jetzt nicht, ob der Roman autobiografische Züge trägt. Ich möchte nur wissen, wie sie so gut für das Buch recherchieren konnten und ob es mehr Rückmeldungen von Frauen oder von Männer gab? 

Gernot Gricksch: Das war mit Abstand das von Männern meist gelesene Buch. Es hat mich wirklich sehr überrascht, denn ich habe wirklich gedacht, dieses Buch werden ausschließlich Frauen lesen, weil sie was über die Kerle erfahren wollen. Es ist ja auch ein relativ ehrliches Buch, kein schmeichelhaftes Buch für die Männer, dass gebe ich offen zu. Aber es haben wahnsinnig viele Männer gelesen und sich darin wiedergefunden. Man darf ja nicht vergessen, dass dieses ganze Gehabe von den Männern mit Unsicherheit zu tun hat. Viele Männer fanden es sehr erleichternd und entspannend, dass es auch mal offen ausgesprochen wurde. 

L&M: Sehen Sie sich als Aufklärer der Männerwelt, jemand der Frauen die Männer erklärt? 

Gernot Gricksch: Nein eigentlich nicht. Im neuen Buch „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ geht es ausschließlich um Frauen und ich habe versucht in ein 15jähriges Mädchen hineinzuschauen – mein wahrscheinlich mutigstes Unterfangen bisher. Ich mag auch die „rückwärts einparken“- Bücher nicht, dass nimmt dem ganzen die Magie. Ich will gar nicht wissen, warum Frauen im Kühlschrank die Sachen schneller finden, das interessiert mich nicht. Hauptsache sie findet sie.
Ich finde einfach, man muss nicht alles entzaubern.

L&M: Ihre Geschichten stammen immer direkt aus dem Leben. In Ihrem neuen Roman „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ erzählen Sie die Geschichte eines alleinerziehenden Vaters, der mit dem Tod seiner Frau klarkommen muss und plötzlich mit einem Teenager zu kämpfen hat. Wie kam es zu diesem Roman? 

Gernot Gricksch: Das kam tatsächlich daher, dass ich ja mittlerweile auf die 50 zugehe. Es ist das Alter, wo man langsam aber sicher, auch wenn man es nicht will, darüber nachdenken muss, dass man seine Eltern irgendwann verliert. Ich habe das wahnsinnige Glück, dass meine Eltern sehr gesund und zäh sind und ich hoffe, das bleibt noch lange so. Aber man gewöhnt sich an den Gedanken, dass man irgendwann Abschied nehmen muss.

Ich habe die ersten Freunde verloren. Das Buch ist meinem Freund gewidmet, der an einem Herzinfarkt gestorben ist und er war sogar noch jünger als ich. Ich habe eine Irrsinnsangst vorm Tod, einfach weil ich das Leben so gnadenlos gut finde und noch nicht bereit bin zu gehen. Darum habe ich einfach beschlossen, dass ich mich dem stellen muss. Und das mach ich nicht über Psychotherapie, oder irgendwelche Selbstfindungssachen, sondern ich versuche die bejahenden Momente anzugehen. Es ist ein trauriges Buch, gar keine Frage. Es wird gestorben in dem Buch, es wird getrauert, es wird emotional sehr viel kaputt gemacht, aber trotzdem hab ich versucht, es zum Beispiel so zu machen, wie in „Little Ms. Sunshine“ oder „Juno“. Filme, die tieftraurige Geschichten mit viel Humor erzählen. Das war sehr schwer, eine wahnsinnig harte Arbeit, viel mehr als bei den anderen Büchern. Eine Gratwanderung, die mir sehr wichtig war. 

L&M: Ich habe das Gefühl, Sie steigern sich von Buch zu Buch mit immer ernsteren Themen. Arbeiten Sie bereits an einer neuen Idee oder gibt es jetzt erst mal eine Pause? Vielleicht auch vom Alltag? 

Gernot Gricksch: Es gab mal eine Kritik in der Welt zu meinem allerersten Buch. Da stand ich wäre die männliche Antwort auf Hera Lind. as hat mich bitter getroffen, weil das wirklich nicht nett ist. Ildiko von Kürthy hätte ich locker weggesteckt, da hätte ich kein Problem mit gehabt, aber Hera Lind ist gemein. Das finde ich einfach fies. Und dieser Vorwurf sitzt mir im Nacken. Ich mache Unterhaltungsromane und nichts anderes. Ich behaupte auch nicht, dass ich große Literatur mache, das ist auch gar nicht meine Absicht. Aber ich muss aus dieser Schande raus und das mach ich mit sehr viel Nachdruck und schreibe Romane, die sie nie schreiben würde. 

Ich arbeite gerade an einem neuen Kinderbuch und eines ist ja gerade erschienen (Im Tal der Buchstabennudeln). Dann bin ich momentan mit fünf Drehbüchern beschäftigt, deshalb fällt ein neuer Roman erstmal aus. Dann überarbeite ich ein Buch das 2001 erschienen und mittlererweile vergriffen ist. Ich habe es um 60 Seiten erweitert und neue Geschichten eingeflochten. Das wird noch neu herauskommen. 

Zum Alltag, ich habe genug Alltag. Ich arbeite irrsinnig schnell, dass heißt aber nicht, dass ich nicht gründlich arbeite. Da lege ich großen Wert drauf. Ich habe das Glück, dass mein Gehirn ununterbrochen im Hintergrund im Standby Modus die Gedanken generiert. 

L&M: Können Sie kurz etwas über die Messe erzählen? Kommen Sie eher als Autor oder journalistischer Beobachter hierher? 

Gernot Gricksch: Ich komme als Autor. Ich habe als Journalist noch nie mit Büchern gearbeitet.
Für die Messe eine Warnung an alle: Man ist eine Stunde hier und fühlt sich dreckig, man fühlt sich verschwitzt und schmutzig und hat das Gefühl man ist schon 7 Tage hier. Ich weiß aber nicht, woran das liegt, es muss wohl die Luft sein. Es ist zermürbend hier rumzuhängen und ich freue mich immer auf die Dusche. 

L&M: Meine Begleitung und ich können da nur zustimmen und doch hat die Messe einen ganz besonderen Reiz! 

L&M: Lesen Sie selbst und wenn ja, welche Autoren mögen Sie? 

Gernot Gricksch: Ich höre sehr oft Hörbücher. Ich bin umgesiedelt, weil ich da mehr Muße zu finde. Ich koche zum Beispiel sehr viel und beim Kochen höre ich Hörbücher.

Meine Brandbreite ist unglaublich groß, aber mein absoluter Lieblingsautor ist Friedrich Dürrenmatt. Was man wahrscheinlich nicht vermuten würde bei mir. Ich bin ein großer Verehrer von Jakob Arjouni, speziell die Nicht-Krimis. Dann gibt es da einen englischen Autor. Ben Elton, dessen letzte Romane leider nicht in Deutschland erschienen sind. Er ist für mich auch einer der ganz großen Autoren. Dann lese ich noch gerne Steffi von Wolf oder Wiebke Lorenz, weil es einfach schön ist, Bücher von jemandem zu lesen, den man persönlich kennt. 

L&M: Haben Sie eine Empfehlung für die Leser? 

Gernot Gricksch: „Hausaufgaben“ von Jakob Arjouni. Das ist eines der besten deutschsprachigen Bücher, das je geschrieben wurde. Sollte man gelesen haben. 

L&M: Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses tolle Interview, und dass Sie sich die Zeit dafür genommen haben und hoffe noch viel mehr von Ihnen zu lesen. 

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10 Kommentare zu “Im Interview mit Gernot Gricksch

  1. Vielen Dank für das schöne Interview, es klingt so, als sei Herr Gricksch ein sehr sympathischer Mensch. Und das eine Foto ist ja der Hammer, wo ihr beide gleich 2x vertreten seid.
    Bei westropolis verlosen sie momentan „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ und ich hoffe ganz dolle, dass ich Glück habe, denn ich habe nun schon mehrmals nur Gutes über den Autor gehört und möchte endlich auch eins seiner Bücher lesen.

    • Wirklich sehr sehr sympathisch, kann ich bestätigen. Das Foto hab ich extra so gemacht wegen des Moments. Das finde ich unterstricht die Fragen nach dem Tod.
      Königskinder hat mir sehr gut gefallen, „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ liegt noch hier – wird aber demnächst gelesen.

      Dankeschön für das Lob

    • …die Fotos habe ich aus dem Video gezogen.
      Leider war es so extrem laut auf der Messe und genau neben uns spielte dann noch ein Saxophonist..
      Aber ja, war lustig.

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